Definition
Paragraph 35a SGB VIII regelt die Eingliederungshilfe für seelisch behinderte oder von seelischer Behinderung bedrohte Kinder und Jugendliche. Er ist die zentrale Anspruchsgrundlage für Hilfen bei psychischen Störungen, die zu einer Teilhabebeeinträchtigung führen.
Rechtliche Grundlage
Rechtlich besteht der Anspruch, wenn die seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweicht (Abs. 1 Nr. 1) und dadurch die Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist oder eine solche Beeinträchtigung zu erwarten ist (Abs. 1 Nr. 2). Die Feststellung erfordert eine medizinische Diagnose und eine sozialpädagogische Stellungnahme zur Teilhabebeeinträchtigung.
Bedeutung in der Praxis
In der Praxis ist §35a die Grundlage für Schulbegleitung, ambulante Therapien, therapeutische Wohngruppen und weitere Eingliederungshilfeleistungen. Häufige Diagnosen sind ADHS, Autismus-Spektrum-Störungen, Lese-Rechtschreib-Störungen und emotionale Störungen. Das KJSG bereitet die Zusammenführung aller Eingliederungshilfen unter dem Dach der Jugendhilfe ab 2028 vor.
Herausforderungen
Herausfordernd ist das Zwei-Stufen-Verfahren (Diagnose + Teilhabebeeinträchtigung) und die Abgrenzung zum SGB IX.
Digitale Unterstützung
Fachsoftware unterstützt die Dokumentation des gesamten §35a-Verfahrens – von der Diagnostik über die Hilfeplanung bis zur Abrechnung.
Relevante barnuva-Funktionen
Verwandte Begriffe
Eingliederungshilfe für Kinder und Jugendliche mit seelischer Behinderung
HilfeformDie Eingliederungshilfe für Kinder und Jugendliche mit seelischer Behinderung ist eine Leistung gemäß §35a SGB VIII. Sie richtet sich an junge Menschen, deren seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für ihr Lebensalter typischen Zustand abweicht und die dadurch in ihrer Teilhabe am gesellschaftlichen Leben beeinträchtigt sind oder eine solche Beeinträchtigung droht. Rechtlich ist §35a SGB VIII die zentrale Anspruchsgrundlage. Die Feststellung setzt zwei Voraussetzungen voraus: eine medizinisch-therapeutische Diagnose der seelischen Störung und eine sozialpädagogische Einschätzung der Teilhabebeeinträchtigung. Das KJSG bereitet die Zusammenführung aller Eingliederungshilfen unter dem Dach der Jugendhilfe vor (inklusive Kinder mit körperlichen und geistigen Behinderungen, geplant ab 2028). In der Praxis umfasst die Eingliederungshilfe ein breites Spektrum: ambulante Therapien, Schulbegleitung, therapeutische Wohngruppen, heilpädagogische Leistungen und Integrationsassistenz. Häufige Diagnosen, die eine Eingliederungshilfe begründen, sind ADHS, Autismus-Spektrum-Störungen, Lese-Rechtschreib-Störungen und emotionale Störungen. Herausfordernd ist die Abgrenzung zu Leistungen der Eingliederungshilfe nach SGB IX und die oft langwierigen Klärungsprozesse zur Zuständigkeit. Fachsoftware unterstützt die Dokumentation des Zwei-Stufen-Verfahrens und die Abrechnung der bewilligten Leistungen.
ADHS
DiagnoseADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) ist eine der häufigsten psychiatrischen Diagnosen im Kindes- und Jugendalter mit einer Prävalenz von etwa 5 Prozent. Die Störung ist gekennzeichnet durch anhaltende Unaufmerksamkeit, Impulsivität und bei einem Teil der Betroffenen durch motorische Hyperaktivität. ADHS wird nach ICD-10 (F90) bzw. ICD-11 diagnostiziert. Rechtlich ist ADHS in der Jugendhilfe vor allem über §35a SGB VIII relevant: Wenn die Störung zu einer Teilhabebeeinträchtigung führt, besteht Anspruch auf Eingliederungshilfe für seelisch behinderte Kinder und Jugendliche. Voraussetzung ist ein fachärztliches oder psychotherapeutisches Gutachten, das sowohl die Diagnose als auch die drohende oder bestehende Teilhabebeeinträchtigung bestätigt. Für die pädagogische Praxis in stationären und ambulanten Einrichtungen bedeutet ADHS, dass Tagesstrukturen, Regelsysteme und Lernangebote an die besonderen Bedürfnisse der Betroffenen angepasst werden müssen. Reizarme Umgebungen, klare Routinen und ein verständnisvolles Beziehungsangebot sind zentrale Gelingensfaktoren. Häufig ist eine multimodale Behandlung notwendig, die Pädagogik, Psychotherapie und ggf. Medikation verbindet. Herausfordernd ist die Abgrenzung zwischen ADHS-typischem Verhalten und regulären Entwicklungsphasen. Eine verlässliche Medikamentendokumentation und die Abstimmung zwischen Pädagogik, Therapie und Psychiatrie sind entscheidend für den Hilfeerfolg.
Diagnose
AllgemeinDiagnose bezeichnet in der Kinder- und Jugendhilfe die fachliche Feststellung einer psychischen Störung, Entwicklungsverzögerung oder Behinderung durch qualifiziertes Fachpersonal. Diagnosen werden nach den Klassifikationssystemen ICD-10 bzw. ICD-11 der WHO gestellt und bilden die Grundlage für die Bewilligung spezifischer Hilfeleistungen. Rechtlich ist die Diagnose insbesondere für Leistungen der Eingliederungshilfe nach §35a SGB VIII von zentraler Bedeutung: Nur wenn eine seelische Störung diagnostiziert ist und eine Teilhabebeeinträchtigung droht oder besteht, kann Eingliederungshilfe gewährt werden. Die Diagnose muss durch einen Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, einen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten oder einen approbierten Psychotherapeuten erfolgen (§35a Abs. 1a SGB VIII). In der Praxis der Jugendhilfe sind die häufigsten Diagnosen ADHS (F90), Störungen des Sozialverhaltens (F91), emotionale Störungen (F93), Bindungsstörungen (F94) und Anpassungsstörungen (F43). Pädagogische Fachkräfte stellen keine Diagnosen, müssen aber diagnostische Befunde verstehen, in ihre Arbeit integrieren und in der Dokumentation korrekt verarbeiten. Herausfordernd ist die fachliche Kommunikation zwischen pädagogischen und therapeutischen Fachkräften sowie die Vermeidung von Stigmatisierung durch Diagnosen. Fachsoftware ermöglicht die strukturierte Erfassung von Diagnosen, deren Verlauf und die Zuordnung zu Hilfemaßnahmen.
Hilfe zur Erziehung
HilfeformHilfe zur Erziehung ist der zentrale Leistungsbereich der Kinder- und Jugendhilfe gemäß §27 SGB VIII. Der Anspruch besteht, wenn eine dem Kindeswohl entsprechende Erziehung nicht gewährleistet ist und die Hilfe für die Entwicklung des Kindes oder Jugendlichen geeignet und notwendig ist. Der Anspruch steht den Personensorgeberechtigten zu. Rechtlich ist §27 SGB VIII die zentrale Anspruchsgrundlage. Die einzelnen Hilfeformen sind in §§28–35 SGB VIII konkretisiert: Erziehungsberatung (§28), Soziale Gruppenarbeit (§29), Erziehungsbeistandschaft (§30), SPFH (§31), Tagesgruppe (§32), Vollzeitpflege (§33), Heimerziehung (§34) und Intensive Sozialpädagogische Einzelbetreuung (§35). §36 SGB VIII regelt das Hilfeplanverfahren, §37 die Zusammenarbeit bei Hilfen außerhalb der Familie. In der Praxis bilden Hilfen zur Erziehung das Kerngeschäft der Jugendhilfe: Rund 1,1 Millionen junge Menschen in Deutschland erhalten jährlich eine Hilfe zur Erziehung. Die Hilfeplanung erfolgt im Zusammenspiel von ASD, Leistungserbringern, Familie und – soweit möglich – dem Kind oder Jugendlichen selbst. Herausfordernd sind steigende Fallzahlen, der Fachkräftemangel und die zunehmende Komplexität der Bedarfslagen. Eine integrierte Jugendhilfe-Software bildet den gesamten Hilfeprozess digital ab – von der Aufnahme bis zur Hilfebeendigung.
BTHG
RechtDas BTHG (Bundesteilhabegesetz) ist ein 2016 verabschiedetes Reformgesetz, das die Eingliederungshilfe stufenweise aus der Sozialhilfe (SGB XII) herausgelöst und als eigenständiges Teilhaberecht im SGB IX verankert hat. Es gilt als die größte Reform der Eingliederungshilfe seit Jahrzehnten und macht Menschen mit Behinderungen von „Hilfeempfängern" zu Leistungsberechtigten mit eigenem Wunsch- und Wahlrecht. Rechtlich wurde das BTHG in vier Reformstufen zwischen 2017 und 2023 umgesetzt. Zentral ist die dritte Stufe (2020): Sie trennt die Fachleistung (pädagogische/therapeutische Unterstützung) von der Existenzsicherung (Wohnen, Ernährung), führt das Gesamtplanverfahren nach §121 SGB IX ein und schreibt eine an der ICF orientierte Bedarfsermittlung nach §118 SGB IX vor. Eine weitere geplante Reform – die Zusammenführung der Eingliederungshilfe für Kinder und Jugendliche mit seelischer Behinderung unter dem Dach des SGB VIII (sogenannte „Inklusive Lösung") – ist aktuell auf voraussichtlich 2028 verschoben. In der Praxis bedeutet das BTHG für Träger der Eingliederungshilfe: personenzentriertes statt einrichtungszentriertes Arbeiten, eine getrennte Abrechnung von Fachleistung und existenzsichernden Kosten und ein Gesamtplanverfahren mit konkreten Zielvereinbarungen statt pauschaler Finanzierung. Träger, die sowohl Jugendhilfe nach SGB VIII als auch Eingliederungshilfe nach SGB IX anbieten, müssen beide Systeme parallel abbilden. Herausfordernd ist der Umstellungsaufwand für Abrechnungssysteme, die Komplexität des Gesamtplanverfahrens und die weiterhin unklare zeitliche Perspektive der „Inklusiven Lösung". Software für die Eingliederungshilfe muss Bedarfsermittlung, Gesamtplanung, Zielvereinbarungen und die getrennte Leistungsabrechnung nach den Vorgaben des BTHG abbilden können.
ICF
MethodeDie ICF (Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit) ist ein von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) entwickeltes Klassifikationssystem. Anders als die ICD, die Diagnosen erfasst, beschreibt die ICF die Funktionsfähigkeit eines Menschen im Kontext: Körperfunktionen und -strukturen, Aktivitäten und Teilhabe sowie Umwelt- und personbezogene Kontextfaktoren. Für Kinder und Jugendliche existiert die kindspezifische Fassung ICF-CY (Children & Youth Version). Rechtlich ist die ICF-Orientierung seit dem Bundesteilhabegesetz (BTHG) in §118 SGB IX gesetzlich vorgeschrieben: Instrumente zur Bedarfsermittlung in der Eingliederungshilfe müssen sich an der ICF orientieren. Sie ist damit kein rein fachliches Konzept mehr, sondern gesetzlich vorausgesetzter Bezugsrahmen für das Gesamtplanverfahren nach §121 SGB IX. In der Praxis haben viele Bundesländer eigene ICF-basierte Bedarfsermittlungsinstrumente entwickelt (etwa BEI_NRW, ITP oder IBRP, je nach Bundesland). Fachkräfte erfassen dabei nicht nur eine Beeinträchtigung selbst, sondern deren Auswirkung auf konkrete Aktivitäten – etwa Mobilität oder interpersonelle Interaktionen – und berücksichtigen Umweltfaktoren als Barriere oder Förderfaktor. Auch in der Kinder- und Jugendhilfe wird die ICF-CY an der Schnittstelle zur Eingliederungshilfe nach SGB IX zunehmend relevant, etwa bei der Schulbegleitung. Herausfordernd ist die föderale Vielfalt an Bedarfsermittlungsinstrumenten sowie der Schulungsaufwand, um ICF-Domänen fachlich korrekt zuzuordnen. Eine vollständig digitale, formale ICF-Erfassung als eigenes Modul ist in der Softwarelandschaft der Jugend- und Eingliederungshilfe noch wenig verbreitet. Fachsoftware für die Eingliederungshilfe sollte Bedarfe und Ziele strukturiert entlang ICF-naher Kategorien erfassen und mit Gesamtplanung, Zielvereinbarung und Berichtswesen verknüpfen können.